Bibliotheken im Internetstrudel
... und die Folgen


 

Frustrierendes Treffen in Wien - dennoch ein Lichtblick

Von Siv Wold-Karlsen

Arbeitstreffen international

Ende November 2000 trafen sich ungefähr 60 „progressive" Bibliotheksleute auf einem internationalen Treffen im Ludwig-Renner-Institut in Wien. Das Treffen war Teil einer Netzwerkzusammenarbeit, die einige Jahre zuvor begonnen hatte, nicht nur via internet. Nach Wien waren Leute folgender Organisationen und Arbeitsgruppen gekommen:
 


Der Beginn der Zusammenarbeit zwischen den Progressiven kam in den 90er Jahren in Gang. Damals lernte man sich besser kennen und bekam Kontakt miteinander und begann auch wechselseitig in den entsprechenden Zeitschriften zu schreiben. <...>
Im Juni 1998, im Zusammenhang mit der ALA-Konferenz in Washington, USA, kam das erste internationale Treffen zustande, und es war außerdem die Unterstützung der ALA, die die Begegnung in Washington finanziell möglich machte.

Das November-Treffen 2000 in Wien wurde vom Renner-Institut finanziert, d. h. von der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Das Renner-Institut, das nach dem sozialdemokratischen Politiker Karl Renner (1870-1950) genannt ist, ist ein Institut mit Konferenzräumen, wo u.a. KRIBIBI seine Tagungen und Workshops hat, und wo alle Teilnehmer als Gäste des Renner-Insituts untergebracht waren.

Die KRIBIBI-Aktivitäten stehen allen offen, auch für Leute wie mich (Siv W.) ohne Mitgliedschaft in irgendeiner Bibliotheksorganisation. KRIBIBI ist auch nicht eine Mitgliederorganisation sondern besteht aus Interessierten, die unterschiedlich oft an unterschiedlichen Aktivitäten teilnehmen, und mehr oder weniger sich als KRIBIBI definieren. Aber es gibt natürlich auch Kerngruppen, die die Arbeit in Gang halten und dafür sorgen das alles funktioniert und sich weiter entwickelt. Und die Aktivitäten sind viele; von Anfang an im Jahr 1983, hat KRIBIBI jedes Jahr 2 Arbeitstreffen ausgerichtet, mit Teilnehmern aus dem In- und Ausland, hauptsächlich aus den deutschsprachigen Ländern.

Der deutsche AKRIBIE, der 1988 im damaligen Westdeutschland gegründet wurde, versteht sich als Forum für freie Diskussion und gemeinsame Aktivitäten und arbeitet nach ähnlichen Prinzipien wie KRIBIBI. Diese beiden „Nicht-Organisationen“ haben die spannende und interessante Wien-Tagung zusammen organisiert.

Auch waren die meisten Teilnehmer deutschsprachig, die Arbeitssprache war deutsch mit Übersetzungen ins und aus dem Englischen, und rund herum um uns fand die zentraleuropäische Wirklichkeit mit Wiens (mehrsprachigen) Bibliotheken statt.

Bibliotheken in Wien

Ich kam nach Wien präzise 24 Stunden bevor das Treffen begann und hatte geplant, wenigstens eine Bibliotheksfiliale zu besuchen, aber als ich Freitag Vormittag vor der Filiale in der Erdbergstraße stand, zeigte es sich, daß sie freitags erst um 14 Uhr öffnet. Alle Wiener Bibliotheks-Filialen, und das sind ungefähr 50, haben dieselben Öffnungszeiten, nämlich:

Montag:  10-12 und 14-19 Uhr
Dienstag:  14-18 Uhr
Mittwoch:  geschlossen
Donnerstag:  10-12 und 14-18 Uhr
Freitag:  14-18 Uhr
Samstag und Sonntag geschlossen.

Die Zentral- und Musikbibliothek sind auch Mittwoch, Samstag und Sonntag geschlossen, aber Montag und Donnerstag geöffnet von 10 - 19.30 Uhr und Dienstag und Freitag von 14 - 19.30 Uhr. Die meisten Bibliotheksfilialien haben einen oder mehrere Schwerpunkte oder Hauptgebiete in ihrem Buch- und Medienbestand. Die vier Filialen, die ich nach dem Wochenende besuchte, haben z.B. alle englischsprachige Literatur, oder andere Gebiete sind Literatur in Türkisch oder Serbokroatisch sowie Frauenliteratur. Die Erdberg-Filiale hat sogar einen größeren Bestand Tonbücher, Filme, Videos, CD-ROMs, etc.

Die begrenzten Öffnungszeiten schränken natürlich auch den Bibliothekszugang ein; und ein anderes Hindernis ist, daß die Bibliotheksbenutzung Geld kostet: 250 österr. Schillinge im Jahr für die Leihkarte, 25 Schillinge für eine Tages-Leihkarte, die für eine Ausleihe von 3 Wochen gültig ist. Um Video oder CD-ROMs auszuleihen, muß man außerdem 10 bzw. 15 Schillinge für die Woche bezahlen, und gleich teuer ist die Reservierung. Für Kinder und Jugendliche unter 18 und für Studierende unter 27 ist die Ausleihe gratis; und wenn man belegen kann, daß man sehr arm ist, kann man von der Jahresleihgebühr befreit werden.

Viele arbeiten gratis

Es ist also nicht gratis, die österreichischen Bibliotheken zu benutzen, aber demgegenüber gibt es viele, die gratis in der Bibliothek arbeiten. Gratisarbeit, die ehrenamtliche Arbeit genannt wird, wird vielleicht nicht so viel in Wien aber wohl draußen im Land geleistet, und sie wird klar überwiegend von Frauen verrichtet. Die ehrenamtliche Arbeit hat alte Tradition und hängt damit zusammen, daß es in Österreich lange Zeit keine richtige Bibliotheksausbildung gab, und weiterhin weder ein Bibliotheksgesetz noch ein funktionierens Bibliotheks-Netzwerk existiert. Bibliotheks-Gebühren und ehrenamtliche Arbeit sind allerdings auch nicht in Deutschland unbekannt, sie gibt es auch bei uns in Skandinavien - trotz unserer Bibliotheksgesetze.

Ökonomische und soziale Barrieren zu einem freien und demokratischen Bibliothekssystem waren daher ein Thema unseres Wiener Treffens, und nicht zuletzt die Kollegen aus der USA unterstrichen die Bedeutung, daß Bibliotheken, die einen bedeutenden Teil unseres kollektiven Wissens darstellen, allen wirklich zugänglich sind.

Schlagwort

Wirklicher Zugang zu Bibliotheken setzt vernünftige ökonomische und soziale Politik voraus, aber die setzt auch eine vernünftige Wissensorganisation voraus, mit bewußter Bestimmung der Schlagworte. <........> Daß die grundlegende Arbeit zur Schlagwort- und (Klassifikations-) Sprache als Macht und Gegenmacht bis jetzt nicht als gesellschaftliche Aufgabe akzeptiert ist, dafür erhielt ich den Beweis, als ich weiter die Wiener Bibliotheken aufsuchte und u.a. Ariadne besuchte, die österreichische „Kvinnsam“.

Ariadne gibt es seit 1992 und ist ein Teil der österreichischen Nationalbibliothek. Sie ist keine virtuelle Bibliothek, d. h., die Beiden, die dort arbeiten, analysieren und indexieren Material, das sich schon in der Nationalbibliothek befindet, und sie tun dies mit Hilfe eines Spezialthesaurus, ein thesaurA, um den Frauenaspekt zu markieren. Aber der Thesaurus entbehrt wichtige Schlagworte wie z. B. Radikalfeminismus (...).

Als ich fragte, wie dort das Problem gesehen wurde, erhielt ich zur Antwort, daß man darin dort kein Problem sah, sondern man hatte ein rein pragmatisches Verhältnis zum Schlagwortgebrauch. Das ist eine Antwort, die ich schon früher erhalten habe, und eine Antwort, die voraussetzt, daß das Schlagwort nur ein praktisches Hilfsmittel ist ohne ideologische Implikationen. Daß die Worte, die wir anwenden, nur die objektive Wirklichkeit beschreiben und nichts mit Macht zu tun haben: Macht die Wirklichkeit zu definieren, hineinzudefinieren und herauszudefinieren, sichtbar- und unsichtbar zu machen.

Ich glaube, viele von uns, die sich im Renner-Institut trafen, können sich eine Zusammenarbeit über die Anwendung von Schlagworten und der Klassifikationssprache vorstellen. Wir schafften nur nicht die Frage zu diskutieren und ebenso wenig viele andere praktisch-ideologische Fragen; teils deshalb, weil die Zeit knapp war, und Teils deshalb weil wir viel unserer knappen Zeit verwandten Reselotionsvorschläge und Organisationsfragen zu diskutieren. <....>

Eine Resolution, an die lange schon vor dem Wientreffen gedacht worden war, war eine Resolution über die Bibliothekssituation in Kuba und die Einmischung der USA in Kuba. Die Kuba-Resolution Wenn die Kuba-Resolution etwas aussagt, dann, glaube ich, über unser westliches Verhalten zu den reell existierenden Kapitalismen und zu den früheren und reell existierenden Sozialismen.<....>. Ich meine: Auf dem Wiener Treffen waren Bibliothekskollegen mit eigenen, teils dramatischen Erfahrungen über das Verhalten zwischen den reell existierenden Kapitalismen/Sozialismen in Deutschland, und nicht weniger Erfahrungen der Wende und ihre Konsequenzen für die Bibliotheksarbeit in dem Teil, der einmal die DDR war.

Mit dem Fall der Mauer und Deutschlands Wiedervereinigung gingen auch politische Prozesse und Büchervernichtung einher: Bibliotheken wurden geschlossen, Bücher zerstört, und Menschen verloren ihre Arbeit deswegen, weil sie politisch nicht erwünscht waren und ersetzt werden sollten mit politisch korrekten Büchern und Menschen - vom Westen. Dies nahmen wir überhaupt nicht auf im Plenum und auch nicht, welchen Problemen und Möglichkeiten Ossis und Wessis nun gegenüberstehen, wenn sie gemeinsam eine gute Bibliothekspolitik entwickeln sollen.

Demgegenüber verwandten wir viel Zeit und Energie auf eine Resolution über die Bibliothekssituation in Kuba, ein Land, von dem sicherlich niemand von uns direkte Erfahrungen hat, weder als Bibliothekar, Bibliotheksbenutzer oder Bürger. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum sich dies so entwickelt hat und glaube, es hängt mit einem starken Wunsch zusammen, effektiv sein zu wollen und um einen konkreten Beschluß vorweisen zu können. Ein Gespräch zwischen Ost-West-Erfahrungen hätte kaum einige konkrete, meßbare Resultate gebracht, aber eine (Kuba)-Resolution ist, zumindest scheinbar, ein konkreter Beweis für politische Effektivität und Handlungsstärke.

Derselbe Wille effektiv zu sein - „gleich effektiv wie der Feind“ prägte auch die Diskussion darüber, wie eine eventuelle oder zufällige Arbeitsgruppe innerhalb eines Netzwerkes aussehen sollte. Einige wollten eine Arbeitsgruppe zusammengesetzt aus den Repräsentanten jeder Organisation, die auf dem Wiener Treffen vertreten war; andere meinten, daß diese Form indirekter und repräsentativer Demokratie regelgerechte Mitgliederorganisationen voraussetzte, die Repräsentanten besäßen für Außen und Verantwortlich nach innen. Aber weder AKRIBIE noch KRIBIBI sind Mitgliederorganisationen sondern eher Arbeits- und Aktivistengruppen, und es war auch unklar, welches Mandat die übrigen ´Repräsentanten von ihren jeweiligen Organisationen besaßen. Die repräsentative Demokratie wäre daher eine reine Scheindemokratie gewesen, dachten viele von uns, und wir wollten stattdessen, daß sowohl das Netzwerk als eventuelle Arbeitsgruppen offen sein sollten für alle Interessierten. Als es zur Abstimmung kam, siegte die „offene Linie“ - mit überwältigender Mehrheit, was mich glücklich und hoffnungsvoll macht.

Trotz der Frustationen über alles, was wir nicht geschafft haben, ist das Wiener Treffen wie ein Lichtblick.
Wir haben nicht so viel über unsere Erfahrungen und Visionen im Plenum gesprochen aber wohl in Kleingruppen, und der Teil, an dem ich teilgenommen habe, gab Lust auf Vertiefung und Ausweitung der Zusammenarbeit.

Auf einer Weltkarte war markiert, von wo die Teilnehmer kamen, und bestimmt sahen wir Konturen eines globalen Netzwerks, aber viel bleibt noch, sich kennen zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen mit Ost- und Südeuropa, Lateinamerika, Asien, der größte Teil von Afrika.... Es waren auch keine Niederländer, nicht Dänemark, Finnland vertreten... Kurz gesagt: Das meiste bleibt zu tun, nicht nur was das Netzwerk angeht sondern auch ein Netzwerk über die Grenzen zu knüpfen zwischen Öffentlichen- und Forschungsbibliotheken, Spezialbibliotheken und Alternativen Bibliotheken.

aus:  „BIS“ (Bibliotek i Samhälle), Nr. 4.2000, S. 14-17

Übersetzt aus dem Schwedischen mit einigen so <......> gekennzeichneten Auslassungen von Ragnhild Rabius.
 
 

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